Der Kies knirschte in einem gleichmäßigen Rhythmus unter ihren Schuhen. Clara passte ihre Schritte daran an, einen nach dem anderen, während das Geräusch den Takt zu ihrem Herzschlag vorgab. Der Weg verlief genau zwischen den Reben. Sie standen hoch genug, um die Sicht auf das Gutshaus zu verdecken, und der Pfad war so schmal, dass die Blätter an ihren Ärmeln streiften, wenn sie nicht genau in der Mitte gingen. Das fahle Mondlicht fiel in geraden Linien durch die Rebzeilen. Es ließ den Staub auf Lukas‘ Stiefeln und die Kontur seiner Schultern vor ihr aufleuchten.
Vor zehn Minuten hatten sie den Gärkeller verlassen. Zuerst hatten sie noch über die neue Weinpresse und das Fass gesprochen, das morgen noch kontrolliert werden musste. Dann war das Gespräch völlig verstummt. Clara hatte die Hände tief in den Jackentaschen vergraben. Die Nachtluft fühlte sich angenehm kühl in ihrem Gesicht an, doch ihr Nacken brannte heiß. Das Gutshaus lag dicht hinter ihnen, die Fenster waren noch erleuchtet, und um diese Uhrzeit würde jedes noch so kleine Geräusch über die stillen Felder hallen.
Sie erreichten die Biegung, wo der Wirtschaftsweg auf die ersten bepflanzten Reben traf. Lukas blieb stehen. Clara hielt zwei Schritte hinter ihm an. Das letzte Knirschen des Kieses erstarb auf dem weichen Erdboden. Für einen Moment war das einzige Geräusch das leise Rascheln der Blätter im Nachtwind.
Lukas drehte sich um. Sein Gesicht lag halb im Schatten, halb im fahlen Licht des weiten Himmels über dem Weinberg. Er sah sie an, ohne ein Wort zu sagen. Der Platz zwischen ihnen war eng, die Erde fest unter ihren Füßen. Das Gehen pochte noch immer in ihrem Puls, schneller jetzt, und die dicht stehenden Reben zu beiden Seiten schienen die knisternde Stille festzuhalten.
Die Stille hielt einen Moment länger an, als sie sollte. Dann trat Lukas einen Schritt vor. Sein Mund traf hart auf ihren, eine Hand an ihrer Taille, die andere an ihrer Schulter. Die Wucht des Kusses drängte sie einen halben Schritt zurück in die Reben. Das Laub raschelte laut gegen ihren Rücken, und sie spürte förmlich, wie weit das Geräusch in die Nacht getragen wurde. Im selben Augenblick griff sie nach ihm. Ihre Hände glitten an seine Jacke, schoben sie an der Brust auf, krallten sich dann in seinen Pullover und zogen ihn dicht an sich.
Einmal lösten sie sich voneinander. Dann fanden sie wieder zueinander, langsamer dieses Mal. Ohne ein Wort zu wechseln, drosselten beide das Tempo. Die Veränderung zeigte sich nur darin, dass sein Griff weicher wurde und ihre Hände sich flach auf die Wolle seines Pullovers legten. Diese neue Zurückhaltung schien den ohnehin schon knappen Raum zwischen ihnen noch mehr zu verdichten. Clara spürte, wie sich ihre Atmung veränderte, flacher wurde, und wie seine Schultern unter ihren Handflächen zur Ruhe kamen.
Er streifte seine Jacke ab und warf sie über den Spanndraht des Spaliers. Ihre eigene folgte und hing nun neben seiner – beide waren jetzt viel leiser und bedachter in ihren Bewegungen. Lukas‘ Hände wanderten zu den Knöpfen ihrer Bluse. Der Baumwollstoff gab Stück für Stück nach. Jeden Knopf löste er behutsam, während ihre Körper dicht aneinander blieben. Sie hob den Saum seines Pullovers an, und er senkte den Kopf, um ihn abzustreifen; die Wolle glitt lautlos über ihn hinweg, und sie legte den Pullover auf die Jacken, um ihn nicht in den Dreck fallen zu lassen. Ihre Bluse öffnete sich. Die Erde gab leicht unter ihren Füßen nach, und sie stützte sich mit einer Hand am Holzpfahl des Spaliers hinter ihr ab. Der Draht war straff unter ihrem festen Griff.
Sie hielten ihre Bewegungen eng und kontrolliert. Sein Gürtel, dann ihrer, die Schnallen nur nach Gefühl geöffnet, die Jeans nur so weit hinabgestreift wie unbedingt nötig. Der feste Stoff wirkte in der Stille ohrenbetäubend laut, und beide hielten kurz inne, lauschten an den Reben vorbei in Richtung des Gutshauses. Die Fenster blieben erleuchtet. Keine Tür öffnete sich. Clara zog ihn wieder an sich. Ihre Schultern ruhten gegen den Holzpfahl, der ihr Halt gab.
Ihre Hände fanden die nackte Haut seines Rückens. Seine Handfläche strich sanft über ihre Rippen. Er stützte einen Arm am Spalier über ihrer Schulter ab, die andere Hand blieb an ihrer Hüfte. Die Bewegung zwischen ihnen war anfangs langsam, innig und gefangen in der Enge zwischen den Rebzeilen. Der Pfahl fing das Gewicht ab. Die einzigen Geräusche waren ihr kontrolliertes Atmen und das leise Nachgeben des Drahtes. Als sich das Tempo änderte, wurde es unregelmäßig; ihre Finger krallten sich in seine Arme und ihr Atem stockte kurz – ein leiser Laut, der sofort vom Laub gedämpft wurde. Lukas folgte ihr, die Stirn gegen ihre Schulter gepresst, und sie spürte das Zittern, das durch ihn ging, an ihrem Schlüsselbein, bevor sich sein Griff schließlich lockerte.
Sie blieben eng beieinander stehen. Clara zog ihre Jeans wieder hoch und schloss sie. Dann knöpfte sie ihre Bluse zu und strich den Stoff glatt. Lukas hob den Pullover vom Stapel auf dem Spalier, zog ihn sich über den Kopf und richtete ihn an der Taille. Er reichte ihr die Jacke vom Draht und schlüpfte in seine eigene. Keiner von beiden trat zurück. Die Rebzeile hielt sie dort, wo sie waren. Über den Weinbergen blieb der Himmel weit und klar, und die Blätter in der engen Gasse zwischen den Reben kamen wieder völlig zur Ruhe.
