Verbotene Begegnung in der Bibliothek

Clara hatte die oberste Regel schon vor Monaten gebrochen. Ihr Körper hatte sie nach Ladenschluss im Dunkeln verraten, als sie sich vorstellte, wie Lukas‘ Hände sie zwischen die Regale zogen und sich nahmen, was die Stille der Bibliothek möglich machte. Dieser Gedanke brannte wie eine heiße Kohle in ihrer Brust, jedes Mal, wenn sie zurückgegebene Bücher einsortierte – ein Geständnis, das sie nur den stummen Bücherreihen anvertraute.

Vom schattigen Ende des Ganges aus beobachtete Lukas sie. Er war wieder länger geblieben, über die offiziellen Öffnungszeiten hinaus, über den Punkt hinaus, an dem jeder andere Besucher hinausgebeten worden wäre. Seine Besessenheit hatte mit verstohlenen Blicken über den Ausleihtresen hinweg begonnen, war aber zu etwas Schwererem geronnen – etwas, das seinen Puls gegen seinen Hals pochen ließ, wann immer sie sich bückte, um ein Buch an seinen Platz zu schieben. Er redete sich ein, er würde nur die Grenzen ausloten. Die Lüge schmeckte schal.

Clara spürte das Gewicht seines Blicks zwischen ihren Schulterblättern. Sie trug denselben schmalen schwarzen Rock, den sie immer für die Spätschichten wählte. Der Stoff schmiegte sich an sie, wenn sie sich streckte, und darunter trug sie nichts als den Hauch von Spitze, von dem sie sich an diesem Morgen eingeredet hatte, er sei praktisch und keine Provokation. Ihre Finger zitterten auf dem Buchrücken eines dicken Bandes. Sie hätte ihn bitten sollen zu gehen. Stattdessen bewegte sie sich tiefer in die abgetrennte Nische, die für seltene Ausgaben abgesperrt war, wo das Licht dämmriger und die Luft schwanger von Staub und altem Papier war.

Lukas folgte ihr. Jeder Schritt war bedacht, die Sohlen seiner Stiefel weich auf dem Teppich. Er trug dieselben dunklen Jeans, die sich stets an seinen Körper schmiegten, sein Hemd hing locker darüber, der Ledergürtel war nach einem langen Tag bereits gelockert. Der Anblick, wie er diese unsichtbare Grenze überschritt, ließ etwas tief in Claras Unterleib eng und feucht werden. Sie drehte sich um und stellte sich ihm endlich, während ihr Rücken Halt an den Regalen hinter ihr fand. Ihre Blicke trafen sich. Monate der spannungsgeladenen Stille drängten sich wie ein lebendiges Wesen zwischen sie.

Sie sah den raubtierhaften Fokus in seinem Blick, wie er auf ihren Mund und dann tiefer glitt und das Heben und Senken ihres Atems registrierte. Er sah denselben Hunger in ihren Augen gespiegelt, wie sich ihre Lippen zu einer stummen Frage öffneten, die sie nicht länger hinunterschlucken konnte. Die Regel, die sie monatelang auf Abstand gehalten hatte, hing nun zwischen ihnen, dünn wie Seidenpapier, und riss bereits. Ihr Atem brach zuerst, ein leises, raues Geräusch, das sie nicht mehr zurücknehmen konnte – und das war alles, was die beiden brauchten.

Seine Hand hob sich. Ihre ebenfalls, angetrieben von einem Instinkt, der älter war als jede Vorsicht. Ihre Finger krallten sich in seinen Hemdkragen, als wollte sie ihn in ein und derselben Bewegung aufhalten und näher an sich heranziehen. Lukas‘ Handfläche fand ihre Hüfte, schloss sich fest darum, seine Finger gruben sich ein, als hätte er die ganze Nacht auf eine Erlaubnis gewartet, um die er nun nicht mehr bat. Ihre Lippen öffneten sich weiter, ihr Atem stockte, während sich bereits nasse Hitze tief zwischen ihren Oberschenkeln sammelte und pochte. Dann senkte sich sein Mund bereits auf ihren, schloss den letzten Zentimeter, und es blieb überhaupt kein Platz mehr zwischen ihnen –

– und der Aufprall ihrer Schulterblätter gegen das Bücherregal kam eine halbe Sekunde nach dem Kuss. Die gerippten Rücken der Hardcover drückten sich in ihren Rücken, als er sie mit voller Wucht gegen das Holz stieß. Sie keuchte auf bei dem Biss von Leder und Papier durch ihre Kleidung; der stumpfe, erdende Druck war selbst durch die dünne Baumwolle ihres Oberteils zu spüren. Ihre eigenen Finger zerrten bereits mit derselben verzweifelten Dringlichkeit an seinem Gürtel und rissen das ohnehin gelockerte Leder ganz auf. Ihre Münder prallten erneut aufeinander, Zähne schabten, Zungen drangen tief ein, als versuchten sie, die Monate der verstohlenen Blicke mit einem einzigen Schluck zu verschlingen.

Clara spürte sein Gewicht, das sie dort festnagelte, den Druck seiner Brust, der ihre Brüste durch die Bluse flachdrückte, die harte Linie seiner Erregung, die gegen seine Jeans spannte und sich in ihre Hüfte bohrte. Sie schob seine Hose gerade weit genug hinunter, sodass der Denimstoff und der gelockerte Gürtel an seinen oberen Oberschenkeln hängen blieben, und schloss ihre Hand um seinen stolzen Schaft. Sie strich einmal rau darüber und beanspruchte genau das, weswegen er hergekommen war. Lukas‘ Atem stockte an ihrem Hals; er zog ihren Rock mit beiden Händen hoch, raffte den Stoff an ihren Hüften zusammen, hakte die Finger in ihre Unterwäsche und riss die Spitze zur Seite. Die stumpfe Eichel glitt durch ihre feuchten Falten, einmal, zweimal, bevor seine Hände unter ihre Oberschenkel rutschten und sie am Regal hochhoben. Ihr Rücken schabte über die Buchrücken, als er sie gänzlich vom Boden abhob.

Aus Lukas‘ Perspektive verengte sich die Welt auf den engen Griff, mit dem sie ihn umschloss, darauf, wie ihre inneren Wände pulsierten und sich zusammenzogen, in dem Moment, als er in sie eindrang – tief in derselben Bewegung verankert, mit der er sie von den Beinen geholt hatte. Er stieß erneut zu, die Hüften peitschten vor, und das Bücherregal knarrte unter der Wucht. Die Buchrücken gruben sich mit jedem Stoß tiefer in Claras Schultern; sie hieß den Schmerz willkommen, nutzte ihn und winkelte ihr Becken an, um ihm entgegenzukommen, damit die Reibung genau dort brannte, wo sie sie brauchte. Ihre Nägel kratzten unter seinem Hemd seinen Rücken hinab und hinterließen heiße Striemen, die ihn in ihren Mund knurren ließen.

Claras Oberschenkel schlossen sich um seine Taille, ihre Knöchel kreuzten sich in seinem Kreuz. Ihr Gewicht stützte sich komplett auf das Regal an ihrer Wirbelsäule und den eisernen Griff seiner Hände unter ihr. Jeder Vorstoß drückte sie härter gegen das Holz; ein dicker Band rutschte heraus und fiel dumpf auf den Boden, aber keiner von beiden bemerkte es. Sie konnte das besitzergreifende Gewicht seiner Obsession spüren in der Art, wie seine Hände ihren Hintern griffen, sie weiter spreizten und sie so anwinkelten, dass der nächste Stoß direkt über diese eine Stelle in ihrem Inneren schabte, die Funken vor ihren Augen tanzen ließ. Er führte nicht; sie folgte nicht. Sie zerstörten die Regel gemeinsam, gleichberechtigt in den Trümmern.

Lukas spürte, wie sie anfing, sich zu verengen, das rhythmische Flattern um ihn herum wurde hektisch. Er vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge, seine Zähne kratzten über ihren Puls, seine Hüften stießen nun ohne Rhythmus, nur noch aus purem Verlangen. Claras innerer Gesang war eine Litanei aus Ja und Endlich und Mehr, während sich ihr Orgasmus scharf und unausweichlich aufbaute. Sein eigener war ganz nah bei ihrem, seine Hoden zogen sich zusammen, das Ende seiner Wirbelsäule verkrampfte sich.

Dann gefror alles.

Jeder Muskel in beiden Körpern erstarrte. Er pochte tief in ihr, pulsierend, aber unbeweglich. Claras Oberschenkel klammerten sich wie ein Schraubstock um ihn, ihre Schultern pressten sich so hart in die Buchrücken, dass die Kanten selbst durch den Stoff hindurch weiße Halbmonde in ihre Haut bissen. Ihr Atem stockte. Die einzige Bewegung war das wilde Hämmern zweier Herzen gegen die Rippen des anderen. Für einige in der Schwebe gehaltene Sekunden konnte sich keiner bewegen, keiner atmen, die gemeinsame Anspannung hielt sie ausbalanciert auf der Messerschneide der Erlösung.

Der Zusammenbruch traf sie zeitgleich. Lukas‘ Hüften zuckten einmal hart, und er ergoss sich in dichten Stößen, die sie fluteten. Claras Höhepunkt durchbrach sie im selben Moment, innere Muskeln molken ihn in unerbittlichen Wellen, ihr Kopf war gegen die Bücher zurückgeworfen, ein rauer Laut entriss sich ihrer Kehle. Es waren Lukas‘ Knie, die zuerst nachgaben, seine Beine zitterten unter ihrem gemeinsamen Gewicht, und er ließ sie das Regal hinabgleiten, bis ihre Füße wieder den Boden fanden. Ihre Beine lösten sich von seiner Taille, während noch die letzten Nachbeben durch sie rollten und das Bücherregal ächzte, als es ihr letztes Gewicht aufnahm und hielt.

Sie blieben aneinandergepresst, er zuckte noch immer in ihr, ihre Wände flatterten in Nachbeben um ihn herum. Schweiß überzog die Haut dort, wo sich ihre Stirnen berührten. Keiner sprach. Lukas‘ Hand glitt flach an ihre Seite, über ihr rasendes Herz, während Claras Finger ihren Griff um seine Schultern lockerten und einfach dort ruhten, um das Zittern zu spüren, das noch immer durch seinen Körper lief. Die Buchrücken drückten sich in ihren Rücken und verankerten sie beide in dem Ruin, den sie gewählt hatten. Dann, ohne ein Wort, glitt er sanft aus ihr heraus – das nasse Geräusch wirkte geradezu obszön in den stillen Regalreihen – und sie blieben aneinandergelehnt, seine Hose noch immer tief auf den Hüften, ihr Rock noch immer hochgerafft, die Spitze noch immer beiseite geschoben, und atmeten dieselbe Luft.

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